Werkspost · Vertriebsorganisation · Kundendienst
Das Tempo-Netz: Händler, Werkstätten und Kundendienst
Tempo verkaufte nicht nur Fahrzeuge. Die erhaltenen Verträge, Verkäuferunterlagen und Kundendienst-Rundschreiben zeigen ein eng verbundenes System aus Händlern, Untervertretern, Vertragswerkstätten, Stützpunkten, Ersatzteilversorgung, Schulung, Gewährleistung und laufender Kommunikation mit dem Werk.
Mehr als ein Händlernetz
Die Quellen machen deutlich, dass die Bezeichnungen nicht für alle Jahre gleich verwendet wurden. 1950 und 1951 richten sich Kundendienst-Mitteilungen regelmäßig an Tempo-Händler, Untervertreter und Vertragswerkstätten. Spätestens 1952 werden Händler und Stützpunkte gemeinsam angesprochen. Ein Rundschreiben vom 30. Mai 1956 nennt bereits Tempo-Großhändler, Direkthändler, Händler und Stützpunkte; 1962 erscheinen Großhändler, Händler und Stützpunkte weiterhin als gemeinsame Empfängergruppe.
Händler
Untervertreter
Vertragswerkstätten
Händler
einschl. Stützpunkte
Kundendienst-Anzeiger und Kundenwiedervorlage
Großhändler
Direkthändler
Händler
Stützpunkte
Werksschulung bis Lehrgang Nr. 181
Diese Abfolge belegt eine Entwicklung der Terminologie und Organisation, aber nicht, dass jede Vertragswerkstatt zu einem bestimmten Stichtag automatisch Stützpunkt wurde.
„Tempo-Dienst“: ein einheitliches Gesicht
Das Werk kümmerte sich früh um einen wiedererkennbaren Auftritt seiner Serviceorganisation. Im März 1950 berichteten Kundendienst-Mitteilungen von Feststellungen der Organisationsleiter und des Kundendienst-Außendienstes zur Anbringung der Werkstattschilder. Neue dreieckige gelb-blaue „Tempo-Dienst“-Schilder waren für die Betriebe vorgesehen; ältere Schilder konnten als Wegweiser an Ausfallstraßen zur Tempo-Spezialwerkstatt dienen.
Im Juni 1950 folgte zentral angebotene Arbeitskleidung für Werkstatt-, Lager- und Büropersonal mit gelb-blauem Tempo-Zeichen. Im August wurden blau emaillierte Namensschilder mit Tempo-Zeichen und der Aufschrift „Sie sprechen mit …“ für Mitarbeiter mit Kundenkontakt angeboten. Der Markenauftritt reichte damit bis zum Meister, Ersatzteillageristen, Kassierer, Tankwart und Verkäufer.

Werkstatt und Stützpunkt: vertraglich eng eingebunden
Ein erhaltener Vertragsvorgang aus Krefeld/Bracht-Börholz erlaubt einen seltenen direkten Blick in die Organisation. Hans-Heinrich Zimpel, Gladbacher Straße 415 in Krefeld, erscheint als Tempo-Großhändler beziehungsweise Tempo-Händler. Vertragspartner war Joh. Spanknebel, Bracht-Börholz Nr. 8. 1951 wird dessen Betrieb als Tempo-Werkstatt geführt; im folgenden Vertragsvorgang erscheint er als Tempo-Stützpunkt.
Die Werkstatt musste unter anderem ein Ersatzteil-Handlager führen, Tempo-Spezialwerkzeug vorhalten, Kontrolldienste und Garantiearbeiten nach den Werksvorgaben ausführen und den Betrieb mit den vom Werk bereitgestellten Schildern als Tempo-Dienst kennzeichnen. Händler und Werk erhielten Kontrollrechte.
Der Stützpunktvertrag regelte die Stellung noch genauer: Kundendienst und Teilegeschäft wurden im eigenen Namen und auf eigene Rechnung ausgeführt, der Fahrzeugverkauf grundsätzlich im Namen und für Rechnung des Tempo-Händlers. Die organisierte Verkaufstätigkeit war auf dessen Händlerbezirk beziehungsweise zugewiesene Gebiete beschränkt. Ein eigenes Teilelager, Original-Tempo-Teile und eine Werkstattausstattung entsprechend einer Tempo-Spezialwerkstatt gehörten zu den Anforderungen.
Vidal & Sohn Tempo-Werk, Hamburg-Harburg → Hans-Heinrich Zimpel, Tempo-Großhändler/Tempo-Händler, Krefeld → Joh. Spanknebel, Tempo-Werkstatt 1951 / Tempo-Stützpunkt 1952, Bracht-Börholz
Bemerkenswert ist die Vorsorge für Veränderungen im Händlernetz: Endete der Händlervertrag, konnte das Tempo-Werk bis zur Neuregelung an die Stelle des Händlers treten. Auch danach sollte die Versorgung der Tempo-Wagenbesitzer mit Originalteilen reibungslos weiterlaufen.
Die Verkäufermappe: Verkauf als System
Die erhaltene Verkäufermappe von 1950 ergänzt die Vertrags- und Werkstattunterlagen um die praktische Verkaufsseite. Prospekte, Preisunterlagen und interne Arbeitsmittel zu Boy, Hanseat und Matador zeigen, dass Produktkenntnis, Preisargumentation und Kundenberatung zusammengehörten. Spätere Verkäuferunterlagen führen diese Arbeitsweise bis in die Hanomag-Tempo-Zeit fort.
Das später fortgeschriebene Verkäuferhandbuch war ein kontrolliertes Arbeitsmittel: Nachtragsblätter hielten es aktuell, und selbst 1965 gehörte die Fahrzeuggeschichte vom frühen Tempo bis zum Matador weiterhin zum internen Verkäuferwissen. Verkauf bedeutete dabei nicht nur technische Daten zu nennen, sondern Bedarfsfälle zu erkennen, Kunden persönlich anzusprechen, Konkurrenzfahrzeuge zu kennen, Probefahrten gezielt einzusetzen und bestehende Kontakte zu pflegen.
Werksschulung und Werkspost
Das Tempo-Netz wurde fachlich vom Werk begleitet. Am 19. September 1952 wurden bereits die Kundendienst-Lehrgänge Nr. 66 bis 70 angekündigt. Neben fünftägigen Einführungen in neue Tempo-Typen gab es vierzehntägige Kurse für das gesamte Fahrzeugprogramm. Besonders neu aufgenommene Händler und Stützpunkte sollten Personal entsenden; Organisationsleiter und Reiseinspektoren werden im selben Zusammenhang genannt.
Zehn Jahre später bestand dieses System fort. Für Juni 1962 wurde Lehrgang Nr. 181 ausgeschrieben; Händler und Stützpunkte sollten Meister oder geeignete Monteure, ausdrücklich keine Lehrlinge, entsenden. Die hohe Lehrgangsnummer und der lange belegte Zeitraum zeigen eine dauerhaft betriebene werkseigene Schulungsorganisation.
Die Werkspost war zugleich technisches Informationsnetz. Rundschreiben wurden teilweise ausdrücklich in mehreren Exemplaren versandt, damit ein Exemplar unmittelbar in die Werkstatt gelangte. Umgekehrt fragte das Werk Erfahrungen aus dem Betrieb ab. Informationen flossen also nicht ausschließlich vom Werk nach außen.
1954: Kundenbindung mit Wiedervorlage
Ein besonders anschaulicher Beleg kam aus der belgischen Generalvertretung. Deren Verkaufsleiter H. J. Kurz, 1 rue J. B. Colyns, Ixelles-Bruxelles, stellte dem Werk 1954 einen „Kundendienst-Anzeiger“ zur Verfügung. Er sollte Kunden, betreute Fahrzeuge, anstehende Kontrollen und ausgebliebene Fahrzeuge sichtbar machen, deren Besitzer erinnert werden mussten.
Farbige nummerierte Marken auf einer Scheibe wurden mit Kundenkarteien kombiniert. In heutiger Sprache erinnert das an ein einfaches analoges CRM- und Wiedervorlagesystem. Sein Zweck war sehr praktisch: Kunden rechtzeitig wieder in die Werkstatt zu holen und die Betreuung systematisch zu organisieren.
Tempo-Netz und Fremdnetze auseinanderhalten
Die Werkspost enthält auch Adressen externer Servicenetze. Besonders wichtig ist die SIBA-Stützpunkt-Organisation. Tempo verteilte deren Kundendienststellen an die eigenen Händler, damit Arbeiten an SIBA-Elektrik durchgeführt werden konnten. Diese SIBA-Betriebe waren deshalb aber nicht automatisch Tempo-Händler oder Tempo-Stützpunkte. Bei der Rekonstruktion des historischen Netzes werden solche Fremdnetze konsequent getrennt.
Was wurde aus den Tempo-Standorten?
Mit den erhaltenen Verträgen und Unterlagen lassen sich inzwischen auch einzelne historische Adressen verfolgen. Vier Beispiele sollen hier den Einstieg in die neue Standortrecherche geben:
Krefeld – Hans-Heinrich Zimpel
Gladbacher Straße 415: 1951/52 als Tempo-Großhändler beziehungsweise Tempo-Händler unmittelbar belegt. Eine heutige betriebliche Nachfolge ist bislang nicht nachgewiesen.
Bracht-Börholz – Joh. Spanknebel
Börholz 8: 1951 als Tempo-Werkstatt und im folgenden Vertragsvorgang als Stützpunkt greifbar. Eine spätere Namens- und Adressspur ist vorhanden; eine Fortführung des Kfz-Betriebs ist damit nicht bewiesen.
Dortmund – Familie Berke: Tempo-Dienst, Zeitzeuge und Clubgeschichte
Eine besondere Stellung in der Geschichte des Tempo-Netzes nimmt die Familie Berke in Dortmund ein. Ludger Berke begann 1932 in der Automobilbranche und betrieb eine Tempo-Vertretung; auch für die Nachkriegszeit ist die Verbindung zum Tempo-Vertriebsumfeld belegt. Aus dem erhalten gebliebenen Unterlagenbestand der Familie Berke stammen die heute für unsere Forschung besonders wertvollen Originalblätter der „Tempo-Händler- und Stützpunkt-Organisation“ von 1954.
Für den Tempo Club Deutschland wurde diese Geschichte später auch persönlich bedeutsam. Arnold Berke, Sohn des früheren Tempo-Dienst-Betreibers, war ein wichtiger Zeitzeuge des Clubs. Bereits beim ersten nordhessischen Tempo-Stammtisch war er zu Gast. Mit seinen persönlichen Erinnerungen an den damaligen Betrieb und die Tempo-Zeit trug er wesentlich dazu bei, Wissen wiederzugewinnen, das in den schriftlichen Quellen teilweise nicht mehr überliefert war.
Arnold Berke blieb dem Club auch ganz praktisch verbunden: Mit seinem Tempo Hanseat war er bei zahlreichen Tempo-Treffen zu Gast. Seine Erinnerungen und die bewahrten Unterlagen verbinden damit die historische Händlerorganisation unmittelbar mit der späteren Clubgeschichte.
Berke ist deshalb mehr als ein Eintrag in einem Händlerverzeichnis: Die Geschichte reicht vom ehemaligen Dortmunder Tempo-Dienst über einen erhalten gebliebenen zeitgenössischen Quellenbestand bis zu Arnold Berke als Zeitzeugen und langjährigem Wegbegleiter des Tempo Clubs.
Marburg – Konrad Daube
Daube ist ein besonders interessanter Fall langfristiger Nutzfahrzeuggeschichte. Spätere Unterlagen nennen Konrad Daube in Marburg sowie Niederlassungen in Alsfeld und Biedenkopf; die weitere Firmengeschichte führt über Hanomag und Mercedes-Benz-Nutzfahrzeuge bis zum heutigen Nutzfahrzeugbetrieb. Der zeitgenössische Primärbeleg für die aus der Clubüberlieferung bekannte Tempo-Dienst-Zugehörigkeit wird noch gesucht und deshalb nicht als bereits geschlossenes Glied dargestellt.
Elmshorn – Ernst Schuldt
Ein Tempo-Ersatzteilverzeichnis von 1939 trägt den Eintrag der Generalvertretung Ernst Schuldt, Elmshorn, Köllner Chaussee 14. Damit reicht die derzeit konkret adressierbare Netzspur deutlich vor die Nachkriegsorganisation zurück.
Winsen (Luhe) – Wolperding
Nach der Erinnerung von Roland Toll gehörte in Winsen die Firma Wolperding zum damaligen Tempo-Netz. Das Unternehmen handelt heute mit Volkswagen. Nach seiner Überlieferung gingen die dort noch vorhandenen Tempo-Unterlagen mit dem Ausscheiden des früheren Firmenleiters verloren. Diese Angabe wird hier bewusst als Zeitzeugenhinweis dokumentiert; ein zeitgenössischer Primärbeleg für die genaue Funktion des Betriebs im Tempo-Netz wird noch gesucht.
Alle historischen Tempo-Dienste und ihre heutigen Standortspuren entdecken
Die vollständige Übersicht wird separat veröffentlicht und enthält Suche, historische Funktion, Adresse, Quellenstatus und – soweit belegbar – die heutige Nutzung beziehungsweise Betriebskontinuität.
Quellenlage
Grundlage dieser Seite sind die im Projekt erschlossenen zeitgenössischen Tempo-Verträge, Kundendienst-Mitteilungen und Verkäuferunterlagen. Dazu gehören insbesondere die Werkstätten- und Stützpunktverträge Zimpel/Spanknebel, die Kundendienst-Rundschreiben der Jahre 1950 bis 1963, die Verkäufermappe 1950 sowie später fortgeschriebene Tempo-Hanomag-Verkäuferunterlagen.
