Tempo-Geschichte · Indien
Tempo in Indien
Von der Zusammenarbeit mit N. K. Firodia bis zu den Rückimporten nach Deutschland
Briefkopf aus dem Schreiben von Abhay Firodia an Edmund Vidal, 17. Februar 1991; behutsam digital bereinigt.
Die Geschichte von Tempo setzte sich in Indien fort. Aus der Zusammenarbeit von Vidal & Sohn mit dem indischen Unternehmer N. K. Firodia entwickelte sich eine eigenständige Fahrzeugproduktion. Das 1958 gegründete Unternehmen Bajaj Tempo trägt seit 2005 den Namen Force Motors.
Die Anfänge der Zusammenarbeit
N. K. Firodia reiste 1950 aus Indien nach Deutschland und erhielt eine Vertretung von Vidal & Sohn für Tempo-Dreiräder. 1957 folgte eine indische Fertigungslizenz; 1958 wurde Bajaj Tempo Private Ltd. gegründet, mit Firodia als Geschäftsführer. Die Unternehmenschronik von Force Motors datiert die indische Hanseat-Produktion auf 1958.
Vom Hanseat zu Viking und Matador
Der Hanseat stand am Anfang. Force Motors nennt 1964 den benzinbetriebenen Viking, 1972 den Matador Diesel und 1987 den Tempo Traveller. Die Fahrzeuge wurden über die Jahrzehnte in Indien weiterentwickelt. Die erhaltenen Bajaj-Tempo-Prospekte zeigen Hanseat-Dreiräder in verschiedenen Nutzfahrzeugausführungen, Viking-Kombis und Kleinbusse sowie Matador-Lieferwagen und Pickups.
Ein Viking-Datenblatt nennt einen wassergekühlten Dreizylinder-Zweitaktmotor, Frontantrieb und ein vollsynchronisiertes ZF-Vierganggetriebe. Ein Matador-Pickup-Prospekt nennt einen Dieselmotor mit 1.797 cm³ und eine Nutzlast von 1,6 Tonnen. Diese technischen Angaben gelten für die jeweils abgebildete Prospektversion; die einzelnen Blätter sind noch nicht genau datiert.
Ein persönlicher Brief an Edmund Vidal
Am 17. Februar 1991 schrieb Abhay Firodia als Geschäftsführer von Bajaj Tempo an Edmund Vidal. Er antwortete auf dessen Brief vom 31. Januar und berichtete über das damalige Fahrzeugprogramm. Der Hanseat Diesel war noch im Angebot: Firodia nannte einen Absatz von knapp 300 Fahrzeugen pro Monat, vor allem in ländlichen Regionen. Dies ist eine zeitgenössische Firmenangabe, keine unabhängig geprüfte Verkaufsstatistik.
Firodia beschrieb außerdem den frontgetriebenen Matador Max und dessen technische Weiterentwicklung, eine 1990 eingeführte heckgetriebene Matador-Reihe, den Tempo Trax sowie den Tempo Traveller. Der Brief zeigt, dass die persönliche Verbindung zur Familie Vidal Jahrzehnte nach Beginn der indischen Fertigung bestand.
Indische Tempo-Fahrzeuge kehren nach Deutschland zurück
Braunschweig · Hanseat-Rückimporte 1989/90

Abhay Firodia berichtete Edmund Vidal in seinem Brief vom 17. Februar 1991, dass 1989 und 1990 knapp 100 in Indien gebaute Hanseat nach Deutschland exportiert worden seien. Als Importeur nannte er Ulrich Helge Schulz in Braunschweig. Ein Bajaj-Tempo-Matador-Prospekt aus dem Projektarchiv trägt zudem seinen Stempel als „Vertrieb Deutschland“ in Braunschweig.
Der Firmensitz des deutschen Vertriebs von Ulrich Helge Schulz ist durch den zeitgenössischen Vertriebsstempel auf dem Bajaj-Tempo-Prospekt in Braunschweig belegt.
Quellen: Brief Abhay Firodia an Edmund Vidal, 17. Februar 1991, Seite 2, gestempelter Bajaj-Tempo-Prospekt sowie Tempo Geist, Januar–März 2001, S. 15–16, Tempo-Projektarchiv. Die Stückzahl ist eine zeitgenössische Herstellerangabe und noch nicht mit deutschen Zoll- oder Zulassungsunterlagen abgeglichen.Weißenburg · Tempo Trax im deutschen Vertrieb

Für die 2000er Jahre ist die TRAX Fahrzeugvertriebsgesellschaft mbH in Weißenburg als deutsche Anlaufstelle für Tempo Trax dokumentiert. Ein Eintrag von 2004 nennt Dr. Rolf Bacher in der Nürnberger Straße 31. Die Registerangaben bestätigen Firma, Sitz und Geschäftsführung; zeitgenössische Fahrerberichte nennen auch den Vertrieb über Weißenburg.
Quellen: Forumseintrag vom 17. Februar 2004 und Registerwiedergabe HRB 2520. Für einen Hanseat-Import durch diese Gesellschaft liegt bislang kein gesicherter Einzelbeleg vor.Dresden · Der indische Hanseat von „Tempo-Fritz“

Fritz Skarbovskis verkaufte seit etwa 1999 aus einem in Indien gefertigten Hanseat-Imbisswagen am Dresdner Neumarkt, während die Frauenkirche wiederaufgebaut wurde. Ein zeitgenössischer Clubbericht schildert seinen Wagen und den Umbau zum Verkaufsstand. Laut demselben Bericht traf am 28. November 2000 ein weiteres, als fünftes in Dresden bezeichnetes Dreirad ein; der Autor bezeichnete es als letztes gefertigtes Tempo-Dreirad. Diese Einordnung ist eine zeitgenössische Aussage des Clubhefts.
Eine Aufnahme von 2011 ordnet den Wagen als indischen Bajaj-Tempo-Nachbau ein. Nach Skarbovskis’ Tod 2016 wurde der Imbiss geschlossen; ein heutiger Betrieb ist nicht belegt.
Quellen: Tempo Geist, Januar–März 2001, S. 14 und S. 15–16; Werner Bonhoff Stiftung und Fotografie und Beschreibung des Fahrzeugs.Die Spur bis heute
Die Firodia-Familie prägte die weitere Entwicklung des Unternehmens. In der heutigen Unternehmenschronik von Force Motors steht der Hanseat am Anfang einer langen Reihe deutsch-indischer Kooperationen. Die Geschichte von Tempo reicht damit weit über das frühere Werk in Hamburg-Harburg hinaus.
\n\nDiese Verbindung ist bis in die Gegenwart sichtbar: Force Motors fertigt heute in Indien nicht nur eigene Nutz- und Personenfahrzeuge, sondern produziert in eigenen Werken auch Motoren für BMW sowie Motoren und Achsen für Mercedes-Benz. Das Unternehmen nennt fünf Fertigungsstandorte. Aus der 1958 begonnenen Tempo-Lizenzfertigung ist damit ein bis heute bestehender Fahrzeug- und Aggregatehersteller hervorgegangen.
\nQuellen
Oberster Gerichtshof Indiens, Bajaj Auto Ltd. v. N. K. Firodia (1970); Force Motors, Unternehmenschronik; Force Motors, Pressemitteilung (2015); Force Motors, Unternehmensprofil (heutiger Stand). Projektarchiv: Brief Abhay Firodia an Edmund Vidal vom 17. Februar 1991 sowie historische Bajaj-Tempo-Prospekte. Die Brief- und Prospektangaben sind als zeitgenössische Eigenangaben gekennzeichnet.
