vom Matador zum Lieferwagen mit dem Stern

Matador-Parade am Edersee 2012
Tempo · Hanomag · Hanomag-Henschel · Mercedes-Benz

Vom Matador zum Stern

Eine Hamburger Transportergeschichte, die von den frühen Tempo-Fahrzeugen über Hanomag und Hanomag-Henschel bis zum Mercedes-Benz-Lieferwagen mit dem Stern führte.

Die Geschichte dieser Transporter lässt sich nicht allein anhand ihrer Markennamen erzählen. Namen, Eigentümer, Motoren, Rahmenkonstruktionen und Karosserien wechselten. Dennoch lässt sich eine Entwicklungslinie verfolgen, die im Hamburger Werk von Vidal & Sohn begann und schließlich in das Nutzfahrzeugprogramm von Mercedes-Benz führte.

Viele Namen. Viele technische Entwicklungsstufen. Eine gemeinsame Hamburger Geschichte.
Die Vorgeschichte

1926
Originale Tempo-Werbeanzeige aus dem Hamburger Fremdenblatt, Oktober 1926
Originale Tempo-Werbeanzeige aus dem Hamburger Fremdenblatt, Oktober 1926.

Die Anfänge des Tempo-Fahrzeugbaus

Die nachweisbaren technischen Wurzeln der Tempo-Fahrzeuge reichen bis 1926 zurück. Aus dieser frühen Entwicklungsphase sind Patentschriften überliefert, die Konstruktionen dreirädriger Nutzfahrzeuge und Fahrzeuge mit vor dem Führersitz angeordnetem Wagenkasten dokumentieren.

Aus diesen Anfängen entwickelte Vidal & Sohn in Hamburg zunächst die bekannten Tempo-Dreiräder. Die kleinen Nutzfahrzeuge trafen auf einen wachsenden Bedarf nach einfachen und wirtschaftlichen Transportmitteln und wurden zum Fundament des Tempo-Werks. Doch Tempo blieb nicht beim Dreirad.

1935
Tempo V 600 Kastenwagen
Tempo V 600 als Kastenwagen.

V 600 – Tempos erster vierrädriger Ein-Tonner

Mit dem Tempo V 600 stellte das Werk 1935 erstmals einen vierrädrigen Transporter für 1.000 kg Nutzlast vor. Damit hatte Tempo lange vor dem Matador bereits einen eigenen Ein-Tonnen-Lieferwagen im Programm.

Der V 600 besaß einen wassergekühlten Zweizylinder-Zweitaktmotor, Vierganggetriebe und Frontantrieb. Aus dem V 600 entwickelte sich der E 600 und schließlich der A 600. Tempo sammelte damit bereits vor dem Zweiten Weltkrieg umfangreiche Erfahrungen mit vierrädrigen Transportern dieser Nutzlastklasse.

Ein politisch erzwungener Einschnitt

Die weitere Entwicklung wurde nicht allein durch technische oder wirtschaftliche Entscheidungen des Werkes bestimmt. Die staatlich angeordnete Typenbegrenzung des deutschen Automobilbaus griff in das Modellprogramm ein. Tempo durfte seine vierrädrige Ein-Tonnen-Linie nicht in der bisherigen Form weiterführen.

Nach dem Krieg war eine bloße Wiederaufnahme dieser inzwischen aus der Mitte der 1930er-Jahre stammenden Konstruktion keine zukunftsfähige Lösung mehr. Für den erneuten Einstieg in die Ein-Tonnen-Klasse brauchte Tempo ein neues Fahrzeug.

1949

Der Tempo Matador – ein Neubeginn

Mit dem Tempo Matador kehrte Vidal & Sohn 1949 in die Klasse der vierrädrigen Ein-Tonnen-Transporter zurück. Der Matador war jedoch keine Wiederaufnahme des A 600, sondern ein neues Nachkriegskonzept.

Die ersten Fahrzeuge erhielten den luftgekühlten Volkswagen-Boxermotor. Frontantrieb, die kompakte Antriebseinheit im Vorderwagen und die besondere Rahmenkonstruktion ermöglichten eine niedrige Ladefläche und zahlreiche Aufbauformen. Wegen des luftgekühlten Motors benötigte der frühe Matador keinen klassischen Wasserkühler und damit auch keinen herkömmlichen Kühlergrill.

Fahrgestell eines frühen Tempo Matador
Das Fahrgestell eines frühen Tempo Matador.

Als Volkswagen die Lieferung seiner Aggregate im Zusammenhang mit dem eigenen Transporterprogramm nicht fortführte, musste Tempo den Matador an andere Motoren anpassen. Damit begann schon wenige Jahre nach dem Produktionsstart eine weitere Entwicklungsphase.

1952

Matador 1000 und Matador 1400

Tempo stellte die Baureihe auf neue Motorisierungen um. Der Matador 1000 erhielt einen Dreizylinder-Zweitaktmotor mit 680 cm³ Hubraum, während beim Matador 1400 ein Vierzylinder-Viertaktmotor von Heinkel zum Einsatz kam.

Während der Übergangszeit wurden noch Fahrzeuge mit Volkswagen-Technik fertiggestellt. Dazu gehörten Fahrgestelle für externe Karosseriebauer ebenso wie besondere Ausführungen des Matador. Die erhaltenen Unterlagen zeigen damit keinen schlagartigen Modellwechsel, sondern einen Produktions- und Entwicklungsübergang.

Das Programm wächst

Wiking, Rapid und Matador I

In den folgenden Jahren verbreiterte Tempo sein vierrädriges Programm. Wiking, Rapid und Matador I deckten unterschiedliche Nutzlast- und Einsatzbereiche ab. Beim Rapid kam beispielsweise ein wassergekühlter Austin-Viertaktmotor zum Einsatz.

Der Matador I erhielt ein moderneres Fahrerhaus. Eine Besonderheit war der rechts neben dem Lenkrad angeordnete Schalthebel. Dadurch blieb der Fußraum weitgehend frei und eine durchgehende Sitzbank für bis zu drei Personen war möglich.

Kastenwagen, Kombis, Kleinbusse, Pritschenwagen, Doppelkabinen, Fahrgestelle und zahlreiche Sonderaufbauten zeigen, wie konsequent Tempo die Fahrzeuge als vielseitiges Nutzfahrzeugprogramm entwickelte.

1963

Der Matador E – ein wirklicher Entwicklungssprung

Mit dem Matador E erschien 1963 nicht lediglich ein äußerlich modernisierter Matador. Matador I, Wiking I und Rapid wurden durch eine gemeinsame neue Baureihe abgelöst. Der Frontantrieb blieb erhalten, die technische Ausführung änderte sich jedoch grundlegend.

Tempo beziehungsweise Hanomag Matador E
Der Matador E markierte 1963 einen deutlichen konstruktiven Entwicklungsschritt.

Wesentliche Merkmale

Antrieb
Frontantrieb

Anordnung
Motor und Getriebe in Fahrtrichtung

Rahmen
Parallelrohrrahmen für unterschiedliche Fahrzeuglängen und Aufbauten

Federung
Drehstabfederung an Vorder- und Hinterachse

Fahrerhaus
Frontlenker mit großer Verglasung

Motorisierung
Benzin- und Dieselmotoren

Gerade der Matador E zeigt, was die Geschichte dieser Fahrzeuge ausmacht: Kontinuität der Fahrzeugidee bei gleichzeitig erheblicher technischer Weiterentwicklung.

Markenwechsel

Von Tempo zu Hanomag

In den 1960er-Jahren änderten sich die Unternehmens- und Markenverhältnisse. Gleichzeitig wurde im Hamburger Werk weiter produziert und entwickelt.

Der Name Tempo verschwand schrittweise von den Fahrzeugen. Unter Hanomag wurde die Baureihe weitergeführt und weiterentwickelt. Ab 1967 erschienen die Transporter als F 20 bis F 36.

Der neue Markenname bedeutete weder einen völligen technischen Neubeginn noch blieb das bisherige Fahrzeug unverändert. Die Hamburger Konstruktion wurde fortlaufend den neuen Anforderungen angepasst.

Tempo- und Hanomag-Transporter verschiedener Generationen
Tempo und Hanomag: unterschiedliche Entwicklungsstufen der Hamburger Transporter.
Die nächste Entwicklungsstufe

Hanomag-Henschel

Mit Hanomag-Henschel änderte sich erneut der Markenauftritt. Die Transporter wurden zugleich technisch weiterentwickelt. Fahrerhaus, Fahrwerk, Bremsanlage, Motorisierung und zahlreiche Details erfuhren Änderungen.

Unter dem Blech war inzwischen vieles anders als beim Tempo Matador von 1949. Die historische Verbindung zum Hamburger Transporterbau blieb dennoch bestehen.

Hanomag-Henschel Transporter des Jahres 1970
Zeitgenössische Darstellung des Hanomag-Henschel „Transporter des Jahres“.
1969

Mercedes-Benz steigt ein

Am 1. April 1969 beteiligte sich Daimler-Benz mit 51 Prozent an den neu gegründeten Hanomag-Henschel-Fahrzeugwerken. Damit begann die schrittweise Eingliederung der Transporter in das Mercedes-Benz-Nutzfahrzeugprogramm.

Dieser Übergang vollzog sich nicht an einem einzigen Stichtag. Zunächst blieben die Fahrzeuge äußerlich und technisch deutlich als Hanomag-Henschel erkennbar. Nach und nach kamen Komponenten und Motoren von Mercedes-Benz hinzu – und schließlich erschien auch der Stern an der Fahrzeugfront.

Technische Entwicklung

Mercedes-Diesel und technische Überarbeitung

Eine besonders sichtbare Veränderung war der Einsatz von Mercedes-Benz-Dieselmotoren. Zunächst kam ein Zweiliter-Diesel mit 55 PS zum Einsatz, später ein 2,2-Liter-Dieselmotor mit 60 PS.

Der Wandel beschränkte sich jedoch nicht auf den Motor. Motorlagerung, Vorbau, Fahrerhaus, Türschlösser und Scharniere, Armaturenbrett und Bremsanlage wurden überarbeitet. Hinzu kam unter anderem eine lastabhängige Bremskraftregelung.

Gerade diese Vielzahl einzelner Änderungen zeigt, dass aus der übernommenen Konstruktion schrittweise ein Transporter nach den technischen Vorstellungen von Mercedes-Benz wurde.

1973

Die Transporter tragen den Stern

Ab 1973 traten die Transporter zunehmend unter der Marke Mercedes-Benz auf. Die Typen L 206 D / L 306 D sowie L 207 / L 307 machten den Übergang auch nach außen sichtbar.

Mercedes-Benz L 206, L 306 und L 307
Die Hamburger Transporterfamilie unter dem Mercedes-Stern.

Die Fahrzeuge erhielten unter anderem eine weiterentwickelte Zweikreisbremsanlage und stärkere Vorderradbremsen. Auch die Hinterachskonstruktion wurde verändert: Der bisherige Hinterachs-Fahrschemel mit Drehstabfederung wich einer Starrachse mit Blattfedern.

Vergleich der Fahrwerkskonstruktionen
Die Fahrwerkskonstruktion wurde im Verlauf der Baureihe deutlich weiterentwickelt.
Erprobung und Sicherheit

Sicherheit wird Teil der Weiterentwicklung

Nach der Übernahme durch Daimler-Benz wurde die Unfall- und Betriebssicherheit der Transporter systematisch untersucht. Bei Auffahr- und Barrierenversuchen betrachteten die Ingenieure unter anderem das Verhalten von Rahmen, Fahrerhaus, Lenksäule, Frontscheibe und Kraftstoffanlage.

Erkenntnisse aus diesen Versuchen flossen in Änderungen der Serienfahrzeuge ein. Die Crashtests zeigen damit besonders deutlich, dass Mercedes-Benz nicht lediglich ein neues Markenzeichen an einen übernommenen Hanomag-Henschel setzte, sondern die Baureihe technisch weiterentwickelte.

Historischer Crashtest eines Transporters
Historischer Crashtest im Rahmen der Weiterentwicklung des Transporters.
1975 – damals Gegenwart

Der aktuelle Mercedes-Benz-Lieferwagen

Für den zeitgenössischen Bericht von 1975 war diese Geschichte keine Rückschau auf eine längst abgeschlossene Baureihe. Der Lieferwagen mit dem Mercedes-Stern war zu diesem Zeitpunkt das aktuelle Ergebnis der Entwicklung.

Aus einem Hamburger Tempo-Transporter war über zahlreiche technische Entwicklungsstufen, Unternehmenswechsel und Markenbezeichnungen ein Fahrzeug des Mercedes-Benz-Nutzfahrzeugprogramms geworden. Dabei war keineswegs über Jahrzehnte dieselbe Konstruktion lediglich unter anderen Namen verkauft worden: Motoren, Rahmen, Fahrwerke, Fahrerhäuser, Bremsen und viele weitere Baugruppen waren immer wieder verändert oder neu entwickelt worden.

Viele Namen. Eine gemeinsame Hamburger Entwicklungsgeschichte.
Unser Sammelgebiet

Warum diese Fahrzeuge zum Tempo-Dienst gehören

Für den Tempo-Dienst endet die Geschichte nicht mit dem Verschwinden des Namens Tempo. Auch Hanomag, Hanomag-Henschel und die aus dieser Entwicklung hervorgegangenen Mercedes-Benz-Transporter gehören zu der Geschichte, die wir dokumentieren.

Fahrzeuge, Ersatzteilkataloge, Werkstattunterlagen, Prospekte, Werksmitteilungen, Fotografien und zeitgenössische Berichte helfen dabei, die einzelnen Entwicklungsschritte heute wieder nachvollziehbar zu machen. Gleiches gilt für Lizenz- und Auslandsproduktionen, soweit sie konstruktiv auf dieser Fahrzeuggeschichte beruhen.

Mit Rat und Tat

Schon die historischen Tempo-Prospekte warben mit einem Kundendienst, der Fahrern bei technischen Fragen und bei der Ersatzteilversorgung zur Seite stand. Diesen Gedanken führt der Tempo-Dienst heute als internationale Gemeinschaft von Fahrern, Besitzern, Fachleuten und Freunden dieser Fahrzeuge fort.

Epilog

Wie es weiterging

1975 war die Geschichte noch nicht zu Ende. Die aus der Hanomag-Henschel-Baureihe hervorgegangenen Mercedes-Benz-Transporter blieben noch bis 1977 im Programm.

Dann endete diese Entwicklungslinie in Deutschland. Mit dem Mercedes-Benz T1, häufig auch „Bremer Transporter“ genannt, erschien 1977 eine neu konstruierte Transportergeneration. Sie löste die bisherigen Modelle ab und eröffnete bei Mercedes-Benz ein neues Kapitel.

Damit endete in Deutschland zugleich eine außergewöhnliche Nutzfahrzeuggeschichte, deren Wurzeln über Hanomag-Henschel und Hanomag zurück bis zu Tempo und dem Hamburger Werk von Vidal & Sohn reichen. In Indien sollte diese Geschichte noch viele Jahre weitergehen – doch das ist eine ganz andere Story.

Die Geschichte geht in Indien weiter →
Tempo in Indien – von Vidal & Sohn über Bajaj Tempo bis Force Motors

Historische Grundlage dieses Beitrags sind unter anderem zeitgenössische Herstellerunterlagen sowie ein Beitrag aus der Werkszeitung „Scheinwerfer 2“ von 1975. Die Darstellung verbindet diese Quellen mit der heute bekannten historischen Quellenlage.

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